Die Windsysteme des Bielersees

J. Huracek, Aug. 2026

Prolog

Segler reden viel und gerne über den Wind. Doch die Sprache unterliegt einem Wandel [Q14]. Unscharf definierte Bezeichnungen bekommen andere Bedeutungen oder werden auf ähnliche Phänomene ausgedehnt. In Zeiten des Foilens zum Beispiel, ist der Speed wichtiger als die Windrichtung. Alte, richtungsbezogene Bezeichnungen werden dadurch verwischt oder gehen verloren. Der Segelsport wandelt sich im Verlauf der Zeit und mit ihm auch die mit dem Wind verknüpften Emotionen und Bezeichnungen.
Der Bielersee sticht mit einer Vielzahl verschiedener Winde hervor. Bedingt durch seine geografische Lage, eingeklemmt in einem Trichter zwischen dem Jurakamm und dem Alpennordhang, entstehen hier zusätzlich zu den überregionalen Winden viele ausgeprägte Kanalisations- und Fallwindeffekte. Nicht alle sind genau definiert, Emotionen tragen sie alle.


Der Joran, (Nord- bis Nordwestwind)

Er ist der ungeschlagene Star aller Stammtischgespräche und der Held vieler Räubergeschichten. Berüchtigt für ein plötzliches Einsetzen aus dem Nichts, für Windstärken bis zur Sturmstärke, für Hammerböen und unerwartete Richtungsänderungen. Wer keine Story über den Joran bereit hat, ist kein Bielersee Segler.
Der Name leitet sich von der franko-provenzalischen Bezeichnung für das Juragebirge ab. [Q17] Der Joran weisst einige geographisch geprägte Sonderformen auf, mit lokalen Bezeichnungen. Je nach seinem meteorologischen Ursprung unterscheidet man einen thermischen und einen dynamischen Joran. [Q1, Q2, Q3, Q4].

Der thermische Joran ist ein lokales Phänomen. Er entsteht an heissen Sommerabenden [Q1] durch die Umkehr der Thermik. Geht die Sonne hinter dem Juragebirge unter, kühlt die Luft über dem jetzt schattigen Südhang ab, während der immer noch besonnte See relativ warm bleibt. Die Luft senkt sich entlang des Hangs als ein katabatischer Fallwind [Q18]. Unten werden die Luftmassen zusätzlich durch die über dem See hochsteigende warme Luft angesogen. Auf dem Wasser aufgeschlagen, spreizt sich der Fallwind in alle Richtungen und verursacht unregelmässige und stark drehende Böenfeder. Das kann einen unvorbereiteten Segler in ziemliche Bredouille bringen und ihn später zu den besagten Räuberstories inspirieren. Ist der thermische Joran mal weniger stark, stetig und segelbar, wird er im deutschsprachigen Raum gerne „Bärgluft“ genannt. Vom "Twannbächler" spricht man, wenn er hauptsächlich aus besagter Schlucht kommt. Oder vom „Tubelöchler“ wenn er nach der Taubenlochschlucht abgebremst und nach rechts auf den See dreht. [Q1, Q5].

Der dynamische, kontinentale Joran entsteht bei einer herannahenden Kaltfront aus Nordwest [Q4]. Die kalte, schwere Luftmasse staut sich zunächst nördlich der Jurakette, schwappt dann bei zunehmendem Druck über den Chasseral und stürzt als kalter Fallwind den Südhang runter auf den See [Q11]. Wegen seiner Temperatur wird er häufig nur als Kaltfront bezeichnet, kommt er weiter von rechts, als Nordwind [Q1, Q2].

Als „Grüner Jäger“ (Joran d’orage), wird eine Gewitterform des kontinentalen Joran bezeichnet, bei der der normale Fallwind-Effekt von einer Sommer-Gewitterzelle überlagert wird. Die Luftmassen der Kaltfront werden dann durch Niederschläge und Hagel besonders stark abgekühlt. [Q15]. Die grau-grünliche Verfärbung der Wolkenwalze über dem Chasseral soll von diesen extrem gesättigten Wolkenmassen herrühren. Der «grüne Jäger» gehört zu den gefährlichsten Wetterphänomenen auf den Juraseen, da vor seinem Eintreffen oft vollkommene Flaute herrscht. Traurige Berühmtheit erlangte der Begriff am 25. Juli 1880, als ein kleines Dampfschiff von einem plötzlichen «Grünen Jäger» überrascht wurde und vor dem Südufer sank. Eine weitere Erwähnung findet der Grüne Jäger in der „Sage vom Goldern“ von Kurt Hubacher. [Q15]

Wolkenwalze über dem Chasseral

Der West, (Le Vent, Le Sudois, Südwestwind)

Unser aller Liebling und der Traum aller Wettfahrtleiter. Wir nennen ihn zwar „West“ aber er kommt aus Südwesten und ist der zuverlässigste Hauptwind der Region [Q12]. Er ist ein kontinentaler Gradientwind und bringt warme, feuchte, atlantische Luftmassen über den Genfer- und Neuenburgersee und wird durch die Trichterform des Bielersees kanalisiert. Östlich vom Eglistein ist er ein hervorragender Regattawind mit wenig Drehern und einer herrlichen langen Welle. Im verlaufe des Nachmittags nimmt er gerne zu und kann sich zu beträchtlicher Stärke aufbauen. Im Sommer steht er meistens für schönes Wetter, da er aber seinen Ursprung in atlantischen Tiefdruckgebieten hat, kann er manchmal auch Regentiefs mitbringen. Kommt er gelegentlich etwas mehr vom Süden, so spricht man von „Friburger“.


Die Bise, (La Bise, Nordost- bis Ostwind)

Die Bise ist ein kräftiger Ost- bis Nordostwind, der Name kommt vom Altfranzösischen/Germanischen und hiess schon damals bisa = kalter Ostwind. Die Bise ist unsere Hassliebe. Auf dem See kann sie ideal für anspruchsvolles Segeln sein, auf dem Land sorgt sie jedoch gerne für tagelange ungemütliche Abkühlung. Sie ist immer ein kontinentaler Gradientwind [Q8, Q10], der in der Schweiz durch den Venturi-Effekt [Q19] zwischen den Alpen und dem Jura komprimiert und beschleunigt wird. [Q8]. Je nach Entstehung gibt es zwei gänzlich unterschiedliche Ausprägungen.

Bise noir: Die schwarze Bise ist ein tiefdruckbestimmter Wind, der Kälte und dunkle Wolken bringt [Q5. Q9]. Sie wird angesogen von einem Tief über Italien (Genuatief) und gefüttert von einem Hoch über den Britischen Inseln [Q8, Q13]. Über der Schweiz kommt sie vom Osten, da über der Nordhalbkugel der Wind im Uhrzeigersinn aus dem Hoch heraus dreht und im Gegenuhrzeigersinn in das Tief hinein fliesst. Die schwarze Bise schleicht sich langsam ein, bleibt meistens mehrere Tage, im Sommer eher kürzer, im Winter länger [Q7]. Danach lässt sie wieder genauso langsam nach. Sie bringt immer dunkle Wolken (Stratus / Nimbostratus), Regen und unangenehme Kälte. Voll etabliert kann die schwarze Bise ausgesprochen kräftig und boeig werden und für die Segler eine Herausforderung sein. Nachdem sie die Schweiz passiert hat, dreht die schwarze Bise nach Süden zum Mittelmeer.

Bise blonde: Die helle Bise ist hochdruckbestimmt [Q13], was dementsprechend für schönes Wetter steht. Sie entsteht aus einem stabilen Boden- und Höhenhoch im Nord-Osten Europas und bringt trockene Festlandluft. Für die Schweiz bedeutet das wolkenfreien Himmel und viel Sonnenschein, lokal auf dem Bielersee dann berechenbare mittlere Windstärken, wenig Dreher und eine mässige Welle die sich vorwiegend am Südufer aufbaut. Wie der West verheisst die Bise blonde perfektes Regattawetter. Nachdem sie die Schweiz passiert hat, dreht sie nordwärts [Q13]


Der Hueber (L’Uberre / L’Ubert, Südwind)

Der Uberre ist eine abendliche oder nächtliche Landbrise. Er ist er etabliert sich hauptsächlich auf dem Neuenburgersee, auf dem Bielersee kommt er seltener und weniger ausgeprägt vor. Der Name kommt vermutlich vom lateinischen aperta/ouvert und steht für das offene Wasser. In Portalban ist eine lokale Regatta nach ihm benannt, die «L’Obéra», und mit „Hueber“ ein CVN-Startboot.
Der Uberre beruht wie jede Landbrise auf dem katabatischen See-Land-Windsystem, indem abends das Land schneller abkühlt und eine Umkehr der Thermik stattfindet. Er wird auch als eine „milde Retourkutsche“ nach abklingen des Hauptwindes bezeichnet, ist meistens schwach aber regelmässig. Er ist immer angenehm warm und wird von den Seglern als ein ruhiger „Nachhausewind“ geschätzt.


Der Föhn

Den klassischen Alpenföhn, wie wir ihn als warmen Fallwind aus den Urner- und Reusstälern kennen, gibt es auf dem Bielersee nicht. Dennoch spielt der Föhn für die grossräumige Wetterlage im Seeland eine Rolle und beeinflusst die Windverhältnisse auf dem See.

Föhndurchbruch Nur bei sehr starken Südföhnlagen mit ausgeprägtem Druckgefälle von über 8-10 hPa gelangt der Föhn über das Berner Oberland hinaus bis ins Seeland. Der Wind wird auf dem See stark löchrig, dreht auf südliche Richtungen und bläst in unregelmäßigen, warmen Böen. Seine Vorzeichen sind die typischen Linsenwolken (Altocumulus lenticularis / „Föhnfische“) am Südosthorizont sowie die außergewöhnlich klare Fernsicht auf die Berner Alpen.

Föhnbise (Contre-Föhn) Die vom Süden kommende warme Föhnluft steigt tendenziell auf und schiebt sich über die im Seeland liegende kühle und schwere Luftmasse und es entsteht ein Kaltluftsee bzw. eine Inversion. Durch das Hochsteigen des Föhns entsteht ein Tiefdruckgebiet im Vergleich zum Osten der Schweiz. Dieses Druckgefälle von Ost nach West stösst die Bise an, die dann im Trichter zwischen der Alpennordkette und dem Jurabogen kanalisiert wird. Die Folgen sind kalte zügige Strömung wie bei der kontinentalen Bise, aber klare Fernsicht wie bei Föhn. Die Föhnbise ist mittelstark, stetig und wird von Seglern und Regatteuren geschätzt. Sie kann auf zwei Arten enden: Durch einen Föhndurchbruch, wenn der Föhn weiter zunimmt und den Kaltsee aufräumt. Oder durch einen Föhnzusammenbruch mit anschliessend meistens abruptem Einsetzten feuchter Weststürme oder Joran-Gewitter.


Lokale Mikroklimata und Winde

Auf dem Bielersee gibt es mehrere rein lokale Land-See-Windsysteme und geografisch bedingte Phänomene mit unterschiedlicher Bedeutung für die Segler. Sie werden meistens nach den jeweiligen geografischen Besonderheiten benannt. [Q5, Q16]

Schüsswind (La Suze) Katabatischer schwacher Frühmorgenwind aus der Taubenlochschlucht, für die Segler kaum von Bedeutung.

Stadtthermik [Q6] Die Stadtthermik ist ein lokales Thermikphänomen im östlichen Becken. Sie tritt an heissen Tagen in der Mittagszeit auf, als Folge der städtischen Konvektion und kann hier den West verstärken. Da sie an Hitzetagen relativ zuverlässig aufkommt, ist sie für die Regattataktik relevant. In der Stadt vertreibt sie freundlicher Weise etwas den Smog.

Der Twannbächler und die Thermik Haut Lac, sind lokale Thermiken vor Twann und im Erlacher Becken.

Rohnerloch (vor Wingreis) Ein berüchtigtes Kalmengebiet (Luftloch) bei Joran, Westwind und Bise, das regattataktisch gemieden werden sollte.

Bisenbucht Am Nordufer, bekannt für steilen und besonders hohen Wellenschlag bei strammer Bise.


Epilog

Ein Luftpaket bewegt sich von Hoch nach Tief, zieht davon und kommt nie mehr zurück. Was ist dann der Wind? Nicht die Luft selbst, nur ihre Bewegung, ihre Richtung, die Art wie sie vorbei zieht. Ein Name für etwas Vergängliches der dann über Dekaden bleibt.
Und immer war es schön. Spätestens als die Leinen belegt und das Boot zugedeckt war. Wir geben Winden Namen, reden über sie, meinen aber die Emotionen für die sie stehen.




BIELERSEE-KARTE

[Q20]


4. Quellenverzeichnis

[Q1] SRF Meteo (Meteo-Stories): 12 Schweizer Wetterphänomene – Winde und Stürme Ihrer Region.
[Q2] Wikipedia: Joran.
[Q3] Yachtclub Bielersee (YCB): Der Joran – Ein Fallwind am Jurasüdfuss. Diplomarbeit Institut für Atmosphäre und Klima, ETH Zürich.
[Q4] FotoMeteo: Lokale Wetterphänomene I: Der Joran.
[Q5] Schüpbach, Konrad (Ipsach): Erfahrungsbericht zu Windsystemen des Bielersees. Mündliche Überlieferung, 25.1.2025.
[Q6] Röthlisberger, Eddy (Sutz): Erfahrungsbericht zur Bieler Stadtthermik. Mündliche Überlieferung, 28.1.2025.
[Q7] MeteoSchweiz: Les vents du Léman / Bise.
[Q8] MeteoSchweiz: Wetter und Klima von A bis Z: Die Bise.
[Q9] Flieger.news: Föhn und Bise – Schweizer Wetterphänomene.
[Q10] Schweizer Alpen-Club (SAC): Föhn, Westwind, Bise und Co.
[Q11] SRF Meteo (Meteo-Stories): Der Joran.
[Q12] MeteoSchweiz: Westwindlage.
[Q13] SRF Meteo: Kühler Wind aus Nordosten – Die Bise im Faktencheck.
[Q14] Der Sprachwandel
[Q15] Hubacher, Kurt: Die Sage vom Goldern. In: Seebutz, Heimatbuch des Seelandes und Murtenbiets, S. 104.
[Q16] Schüpbach, K. & Röthlisberger, E. (Sutz): Fachgespräch über lokale Windlöcher und Reviereigenschaften, 28.1.2025.
[Q17] Historisches Lexikon der Schweiz (HLS) und Schweizerisches Idiotikon (Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache).
[Q18] Katabatischer Wind
[Q19] Der Venturi-Effekt und die Eigenschaften der Strömungen nach Bernoulli
[Q20] Infos zur Seekarte: K. Schüpbach, Ipsach.